Bürokratiemonster: Wirklich?

Bürokratiemonster: Wirklich?

Kaum ein Argument wird gegen die Individualbesteuerung so oft ins Feld geführt wie der angeblich explodierende Verwaltungsaufwand. Gegner warnen vor Hundertschaften von neuen Steuerbeamten, die in den Kantonen nötig werden.

 

Tatsächlich entsteht bei jeder grossen Reform zunächst Arbeit. Kantone müssen Gesetze, Tarife und Sozialabzüge anpassen. Doch dieser Aufwand ist einmalig, und langfristig dürfte das Steuersystem mit der Individualbesteuerung sogar einfacher werden.

 

Heute verursachen sogenannte Wechselfälle erhebliche administrative Arbeit: Heirat, Scheidung oder ein Todesfall führen dazu, dass Steuerdossiers zusammengelegt oder wieder getrennt werden müssen. Mit der Individualbesteuerung entfällt diese Komplexität, denn jede Person wird eigenständig veranlagt.

 

Das ist keine theoretische Überlegung. In der Schweiz dauert eine Ehe durchschnittlich rund 15 Jahre, und über 40 Prozent werden geschieden. Diese Veränderungen bedeuten jedes Mal zusätzliche Arbeit für die Steuerbehörden. Ein System, das unabhängig vom Zivilstand funktioniert, reduziert diesen Aufwand – schliesslich kommt niemand bereits verheiratet zur Welt.

 

Gleichzeitig werden Verfahren transparenter, stärker digitalisierbar und damit einfacher zu automatisieren. Auch Franziska Bitzi, Finanzdirektorin der Stadt Luzern (Mitte), hält den zusätzlichen Aufwand für bewältigbar und geht davon aus, dass das System mittelfristig sogar effizienter wird.

 

Bei der Individualbesteuerung geht es längst um mehr als administrative Fragen. Unser heutiges Modell stammt aus einer Zeit, in der verheiratete Frauen oft nicht erwerbstätig waren und für eine Arbeitserlaubnis sogar die Zustimmung ihres Ehemanns benötigten. Bereits 1984 bezeichnete das Bundesgericht die Heiratsstrafe als verfassungswidrig.

 

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob eine Modernisierung kurzfristig Aufwand verursacht. Sondern ob wir bereit sind, einen Schritt zu gehen, um unser Steuersystem einfacher und zeitgemässer zu machen. Reformen scheitern selten an ihrer Wirkung, sondern oft an der Angst vor Veränderung. Diese Angst sollte kein steuerpolitisches Argument sein.

 

Klemens Iten, Kantonsrat GLP, Unterägeri